#vaporfolk

#vaporfolk

Unter dem Titel #vaporfolk werden Ausstellungssituationen entwickelt, die den Blick auf die virtuelle „Folk-kultur“ der Digital Natives eröffnen.

In diesem Szenario ist der überordnende Hashtag „vaporfolk“ die Insigne der Spaltung digitaler Kultur, die zwischen unendlicher Verfügbarkeit immaterieller Güter (Wissen, Musik, Video, Kontakte, Dienstleistungen) und dem inhärenten menschlichen Bedürfnis nach substanzieller Einbettung in eine – im weitesten Sinne – sakralen Kultur und Riten des Alltags hin und her gerissen ist. Die Vermischung ist unausweichlich. Dieser etherische Zustand (post-) kapitalistischer Kultur manifestiert sich in Aberglauben oder, ins Negativ verkehrt, in Verschwörungstheorien. So soll mit der Schau einer vaporösen und fiktiven Ethnologie das Gleichgewicht zwischen den selbstzerstörerischen Strata des Geistes und der Skepsis an den meta-generierten „Dingen“ und „Fakten“ aus der Cloud hergestellt werden.

Eine kulturelle Analyse, die mehr verschleiert als offenlegt – aber gerade dadurch die gängigen Illusionspraktiken der Konsumkultur entlarvt.

Der Begriff „Vapor“ bezieht sich auf die globale, digitalisierte Sphäre, in die Ideen hochgeladen werden, um sich dann aus der Daten-Wolke als Konsumgüter in entfernten Produktionsstätten zu materialisieren.

Die Genrebezeichnung „Folk“ verortet die Artefakte dieses nebulösen Produktionsablaufs in einem lokalen und sozialen Gefüge. Die Workshops der Ausstellung fordern durch das Herunterladen, Ausführen und der Migration künstlerischer Ideen zu zwischenmenschlichen Momenten auf. Sie heben soziale Aspekte des Post-Internet hervor.

#vaporfolk wird damit zur Strategie gegen die Angst vor dem zunehmenden „vaporisieren“ (verdampfen) der gegenständlichen Welt. Zwar scheint auf den ersten Blick das englische Idiom „Everything evaporates into thin air“ der hyperkapitalisierten Welt Wirklichkeit geworden zu sein. Aber mit der Digitalisierung hat eigentlich eine Umkehrung stattgefunden. Objekte können jederzeit aus dem digitalen Ideenhimmel entstehen, da das Immaterielle omnipräsent ist.

Dieses Potential erkennt die Werbebranche. Hier finden sich Produkte, die sich aus dem Hype materialisieren, was der Coca-Cola Slogan „It’s the real thing“ bereits 1972 bewiesen hat. Heute behauptet das grüne Coke life immer noch: „Coke is it!“ (2016, Kursivierung hinzugefügt). Nicht mehr der Bedarf, sondern das Verlangen zählt.

Kann man dieser Entwicklung etwas Positives abgewinnen?

150 Jahre nach Marx’ Das Kapital könnte die konsequente Affirmation und Transzendierung der Konsumkultur eine Exit-Strategie bedeuten. 

Die Workshops der Ausstellung greifen eine neue, flexible Autorenpraxis auf. Rituale heben das geistige Sediment unseres technologischen Zeitalters aus. Eine Schamanin wertet den anthropologischen Wert digitaler Artefakte aus und organisiert sie. Der Homo Sapiens Digitalis wird wieder mit den Erdgeistern versöhnt.

Text: Lona Gaikis 2017.

AUSSTELLUNGEN

2017 Palais Thurn und Taxis, Bregenz; 2019 – Mai: Nova Synagoga, Zilina (SVK); 2019 – September: Volkskundemuseum, Wien.

Künstler*innen: Andreas Ervik (NO), Lona Gaikis (D/CA), Bernhard Garnicnig (AT), Angus McCullough (USA), Peter Moosgaard (AT)